Wie allgemein oder spezifisch sollten Studierfähigkeitstests sein?

Studierfähigkeitstests - Wie viele Tests braucht man?

Studierendenauswahl:  Vom allgemeinen zum fachspezifischen Auswahltest

Viele Hochschulen setzen bei der Auswahl von Studierenden auf Auswahltests. Mit diesen Tests möchten sie unter anderem die Prognose des Studienerfolgs verbessern. Darüber hinaus sollen die besten Studierenden ausgewählt, Abbrecherquoten gesenkt und unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe bei den Abiturnoten ausgeglichen werden.

In Zukunft werden solche Tests noch häufiger eingesetzt werden. Die Bundesländer bereiten nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vergabe knapper Studienplätze neue Zulassungsgesetze vor.

Doch wie sollten diese Auswahltests aussehen?

Die Gesetzgeber sprechen von „fachspezifischen Studierfähigkeitstests“, aber es ist nirgendwo definiert, was genau einen „fachspezifischen“ Test ausmacht und wie spezifisch ein Test sein muss. Das Problem beginnt schon beim „Fach“: Sind die Ingenieurwissenschaften ein Fach oder handelt es sich hier eher um einen breiten Bereich, in dem sich etliche Fächer tummeln? Lassen sich BWL und VWL sinnvoll zusammenfassen oder braucht es verschiedene Tests? Außerdem können sich innerhalb eines Faches die Schwerpunktsetzungen verschiedener Hochschulen unterscheiden. Es leuchtet ein, dass man nicht für jede Differenzierungsmöglichkeit,
jedes Studienprogramm und jede Hochschule einen eigenen Test entwickeln kann. Denn das wäre ineffizient, unökonomisch und höchst verwirrend für die Studienbewerber/innen.

Intelligenz und Erfolg

Der Kontrapunkt wäre ein allgemeiner Studierfähigkeitstest nach dem Motto „one fits all“: Schließlich sind allgemeine kognitive Fähigkeiten ein guter Prädiktor für Schulerfolg, akademischen Erfolg und Berufserfolg. Wer sehr intelligent ist, wird wahrscheinlich in den meisten Fächern erfolgreicher sein als jemand, der nicht so intelligent ist. In einem solchen Test könnten Aufgaben verwendet werden, die sich in allgemeinen Intelligenztests seit Jahrzehnten bewährt haben, beispielsweise Matrizen, die eine gute Schätzung kognitiver Fähigkeiten ermöglichen.

Die Vorteile liegen auf der Hand und sind vor allem praktischer Natur: Mit vergleichsweise geringem Aufwand kann man einen allgemeinen Studierfähigkeitstest entwickeln. Durch die hohen Teilnehmerzahlen ließe sich dieser Test gut evaluieren und hinsichtlich psychometrischer Eigenschaften optimieren.

Was sagt die Forschung?

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich mit allgemeinen Studierfähigkeitstests in der Tat eine recht gute Prognose von Studienerfolg erzielen lässt. Verglichen mit Auswahlgesprächen oder Motivationsschreiben ist die Prognose deutlich besser.

Die prognostische Validität fachspezifischer Tests ist allerdings noch etwas besser als die Prognosekraft allgemeiner Tests: Eine neue Metaanalyse von Schult, Stegt und Hofmann (eingereicht[1]) sammelte alle Studien zur Prognose von Studiennoten mit fachspezifischen Studierfähigkeitstests im deutschsprachigen Raum ab dem Jahr 2003. Die meisten dort untersuchten fachspezifischen Tests erreichen eine sehr gut Prognosekraft.

In einigen Studien wurde auch das Zusammenspiel von Abiturnoten und Testergebnissen untersucht. Dort zeigte sich, dass die Kombination von Abiturnote und Test 28% der Varianz in den Studienleistungen aufklärte, was eine deutliche Verbesserung gegenüber der Abiturnote alleine war (20% Varianzaufklärung). Bei den erfolgreichsten Tests gab es neben dem Test für medizinische Studiengänge (TMS) einige sehr spezifische Testverfahren, die auf die Anforderungen eines Studiengangs an einer Hochschule zugeschnitten waren. Der Auswahltest der Bucerius Law School ist ein solcher Test. Er wurde individuell für die Hochschule entwickelt und wird nur dort eingesetzt.

Fazit: So spezifisch wie möglich, so allgemein wie nötig

Tests so spezifisch wie möglich, so allgemein wie nötig

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien und die praktischen Überlegungen lassen nur einen Schluss zu: Man sollte mehrere Fächer mit ähnlichen Anforderungen zusammenfassen und aufgrund von Anforderungsanalysen und/oder bisherigen Studienergebnissen Tests entwickeln, die hinreichend spezifisch sind und gute Erfolgsprognosen für die betreffenden Fächer ermöglichen.

Studierfähigkeitstests in der Praxis

Der Test für medizinische Studiengänge TMS kann hier als Beispiel dienen: Er sagt seit Jahrzehnten den Studienerfolg in Humanmedizin, Zahnmedizin und Veterinärmedizin gut vorher.

Die Tests für wirtschaftswissenschaftliche Bachelor- und Masterstudiengänge (BT-WISO und TM-WISO) haben ebenfalls Potenzial. Die hohe Prognosekraft des TM-WISO für Masterstudiengänge wurde sowohl für BWL als auch für VWL bestätigt. Die gute Prognosekraft des BT-WISO wurde an mehreren Hochschulen in Baden-Württemberg bestätigt.

Für MINT-Fächer hat das ITB nun einen neuen Test entwickelt, den BT-MINT. Er soll Kompetenzen und Fähigkeiten erfassen, die für den Erfolg in MINT-Fächern wichtig sind. Es wird sich zeigen, ob und für welche Fächer BT-MINT spezifisch genug ist und ob auf seiner Basis spezifischere Tests entwickelt werden.

Am Ende des Prozesses könnte ein Testsystem mit fünf bis zehn Tests entstehen. Diese sind dann ausreichend spezifisch und breit genug, verschiedene Fächer zusammenfassen. Es gäbe dann beispielsweise Tests für Medizin, Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, MINT-Fächer und Sprachwissenschaften.

Mehr Informationen zu Studierfähigkeitstests


[1] Schult, J., Hofmann, A. & Stegt, S. J. (eingereicht). Leisten fachspezifische Studierfähigkeitstests im deutschsprachigen Raum eine valide Studienerfolgsprognose? Ein metaanalytisches Update.

Test für Flüchtlinge

Der ITB-Flüchtlingstest besteht aus zwei Modulen. Die Evaluation und Normierung mit Geflüchteten und anderen Migranten ist seit Mai 2017 abgeschlossen. An den Eprobungsstudien haben etwa 300 Personen teilgenommen.

  • Lernfähigkeitstest: 45 Minuten, 30 Items (6 Zahlenreihen, 6 Figurenreihen, 6 Symbolvergleiche, 6 Analogien, 6 QPL)
  • Sprachlernfähigkeitstest: 30 Minuten, 16 Items Kunstsprachenanalyse

Lernfähigkeitstest: Normiert mit N=250 Flüchtlingen und anderen Migranten in zwei Bachelorarbeiten (von Bacheloranden der Leuphana Universität, betreut von Prof. Deller). Schwierigkeit: .50,  Reliabiltiät .86 (Split-Half mit Spearman-Brown-Korrektur).

Sprachlernfähigkeitstest: Normiert mit N=196 Flüchtlingen und anderen Migranten in zwei Bachelorarbeiten. Schwierigkeit .43, Reliabilität .81 (Split-Half mit Spearman-Brown-Korrektur).

Es gibt eine Testheftvariante mit Begleitmaterial wie Durchführungshinweisen, Auswertungs- und Interpretationshilfe und Zertifikatsvordruck. In naher Zukunft, werden die Module auch online verfügbar sein.

Ansprechpartner ist Stephan Stegt.

Tests für Flüchtlinge

Die Flüchtlingskrise birgt Chancen und Risiken für uns. Eine Chance besteht darin, dass die Flüchtlinge unsere Bevölkerungspyramide “retten” und der Überalterung der Gesellschaft entgegenwirken. Vielleicht sind die Flüchtlinge von heute unsere Fachkräfte von morgen und helfen, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Es können aber auch hohe Kosten und soziale Spannungen entstehen, wenn die Integration der Flüchtlinge nicht gelingt: wenn die Menschen unsere Sprache nicht lernen, unsere Grundwerte ablehnen, sich nicht integrieren und nicht oder nicht gut genug arbeiten. Die Schockwelle, die nach den Ereignissen in Köln durch unser Land lief, hat viele Sorgen geweckt oder verstärkt.

Und wir haben viele Fragen, die noch keiner wirklich beantworten kann: Wie gut lassen sich die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren? Sind es junge, hochintelligente und motivierte Menschen, die lernfähig, lernwillig und integrationsbereit sind? Die morgen an unseren Top-Universitäten Maschinenbau studieren und übermorgen Elektromotoren für die deutsche Automobilindustrie entwickeln? Das wünschen wir uns natürlich alle. Wie aber finden wir heraus, welche die Potenziale, Fähigkeiten, Kompetenzen und Begabungen der Flüchtlinge sind?

In jedem Fall sind das Erkennen der Potenziale und die Qualifizierung der Flüchtlinge entscheidende Erfolgsfaktoren für die Integration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft. Wir müssen alles dafür tun, dass jeder Flüchtling seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechend die optimale Qualifizierung erhält, ob dies nun ein Gabelstaplerkurs, eine Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium ist.

Aber wie soll die „berufliche Diagnostik“, wie Psychologen sie nennen, bei Flüchtlingen funktionieren? Können Fähigkeiten und Kompetenzen bei Menschen, die keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben und die aus ganz anderen Kulturkreisen kommen, mit unseren herkömmlichen eignungsdiagnostischen Methoden wie Leistungstests, Persönlichkeitstests und Fragebogen gemessen werden, die für und mit Einheimischen entwickelt wurden?

Die Antwort lautet: Leider muss man bei den meisten diagnostischen Methoden davon ausgehen, dass sie bei Nicht-Muttersprachlern mit einem anderen kulturellen Hintergrund nicht oder nur eingeschränkt funktionieren.

Die Entwicklung oder Anpassung von Instrumenten für die Personalauswahl bei Flüchtlingen ist daher wichtig. Diese Instrumente sollten sich von bisherigen Instrumenten für Einheimische in mehrerlei Hinsicht abheben:

  • Sie sollten ökonomisch (v.a. kurz in der Durchführung und Auswertung) sein.
  • Sie sollten kulturfrei sein, damit sie unabhängig vom kulturellen Hintergrund funktionieren.
  • Sie sollten geringe sprachliche Anforderungen stellen, damit sie auch bei geringen Sprachkenntnissen aussagekräftige Ergebnisse liefern.
  • Sie sollten idealerweise in mehreren Sprachen vorliegen, damit sie von möglichst allen Flüchtlingen bearbeitet werden können.

Besonders vielversprechend in dieser Hinsicht sind kurze Leistungstests. Beispielsweise ein IQ-Screening, bei dessen Entwicklung Wert auf geringe sprachliche Anforderungen und kulturfreie Inhalte gelegt wird. Ein solcher Test kann online oder mit Testheften bearbeitet werden und hat eine Bearbeitungsdauer von weniger als 30 Minuten. Die Instruktionen werden auf Deutsch, Englisch und Arabisch vorgegeben, so dass die meisten Flüchtlinge diesen Test bearbeiten können. Der Test liefert rasch eine Einschätzung der allgemeinen Lernfähigkeit und gibt Hinweise, ob bestimmte Qualifizierungsmaßnahmen erfolgreich sein können. ITB hat einen solchen Test entwickelt und sucht nun nach Gelegenheiten zur Normierung.

Neben dem Lernfähigkeitstest hat ITB einen kurzen Test zur Ermittlung der Sprachlernfähigkeit entwickelt, mit dem prognostiziert werden kann, wie schnell jemand eine Fremdsprache lernt.

Nach diesen kurzen Screenings-Tests könnten weitere Tests durchgeführt werden, die Fähigkeiten messen, die spezifisch für bestimmte Ausbildungsberufe oder Studiengänge sind. Ein Beispiel hierfür ist der TestAS (www.testas.de), ein mehrsprachiger, kulturfairer und fachspezifischer Studierfähigkeitstest, der von der Bonner ITB Consulting im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD speziell für ausländische Studieninteressierte entwickelt wurde und mit Hilfe des TestDaF-Instituts durchgeführt wird.