Struktur im Interview: lohnt sich der Aufwand?

Ein Vorstellungsgespräch gehört zu den gängigsten und ältesten Methoden der Personalauswahl. Schon Sokrates war überzeugt davon, dass durch viele Fragen in einem Gespräch besondere Erkenntnisse gewonnen werden können. Auch heute noch ist das Gespräch der erste Weg, einen Kandidaten kennenzulernen, und oft steht danach die Entscheidung schon fest: Top oder Flop. Viele Unternehmen greifen darüber hinaus auf strukturierte Methoden, z.B. auf einen Test, ein strukturiertes Interview oder ein Assessment Center, zurück. Eine Neuauflage der Metaanalyse zur Validität von unterschiedlichen Methoden der Personaldiagnostik (Schmidt et al. 2016) zeigt, dass solche oft aufwändigeren Verfahren nicht immer besser sind als ein „einfaches“ Vorstellungsgespräch, sprich ein unstrukturiertes Interview. Wozu also die Mühe? Viele erfahrene Führungskräfte schätzen seit je her Kandidaten in einem Gespräch ein und vertrauen auf ihren Instinkt – und sie liegen oft nicht falsch mit ihren Entscheidungen.

Wann ist Struktur hilfreich?

Eine Methode, wie z.B. ein strukturiertes Interview, ist genau das, was sie ist: eine Erleichterung zur Erledigung einer Aufgabe. Wenn Personalentscheidungen nur noch von Managern mit viel Erfahrung und sicherem Instinkt getroffen werden würden, hätten Methoden sicher keine Chance. Für all die, die (noch) nicht mit dem Instinkt gesegnet sind, stellt die Struktur einen roten Faden und eine Anleitung in einem Entscheidungsprozess dar. Sie macht ihn transparent und nachvollziehbar für alle Beteiligten und ermöglicht den Neulingen auf dem Gebiet der Personalentscheidungen, von ihren erfahrenen Kollegen zu lernen. Gleichzeitig macht eine einheitliche Methode Ergebnisse vergleichbar: Immer dann, wenn mehrere Menschen über einen Kandidaten entscheiden oder mehrere Kandidaten miteinander verglichen werden sollen, ist eine Methode (z.B. ein strukturiertes Interview) ein sicherer Anker, der einheitliche Kriterien und einen gleichen Maßstab bietet. Was nebenbei passiert, ist der Austausch der Führungskräfte über einen gemeinsamen Anspruch an Kandidaten und Mitarbeiter in einem Unternehmen. Dies ist wiederum nicht nur bei Neueinstellungen hilfreich, sondern auch im Alltag der Führungskräfte, im Umgang  mit ihren Mitarbeitern.

Strukturiert = starr?

Ein strukturiertes Interview muss auch nicht bedeuten, dass das Gespräch keinerlei Abweichung vom Leitfaden duldet. Die Struktur bietet Orientierung, in deren Rahmen Flexibilität, ein echter Dialog und Wertschätzung unabdingbar sind, wenn man den Kandidaten als Menschen und als Experten kennenlernen will. Es geht also um eine gesunde Balance zwischen der vorgegebenen Struktur und der Kompetenz zur Gesprächsführung, die Qualität bei Personalentscheidungen erst ermöglicht.

Fazit

Die Antwort auf die Frage von oben lautet wie so oft: „Es kommt drauf an …“, nämlich auf den Kontext, auf die Erfahrung der Beobachter oder Interviewführer, auf die Größe und Komplexität des Umfelds und natürlich auf den Anspruch an die Verlässlichkeit der Ergebnisse.

Quelle: Schmidt, F.L., Oh, I.-S. & Shaffer, J.A. (2016): The Validity and Utility of Selection Methods in Personnel Psychology: Practical and Theoretical Implications of 100 Years of Research Findings. 10.13140/RG.2.2.18843.26400.

Strukturierte Interviews der ITB Consulting

Interview-Trainings der ITB Consulting

Auswahlverfahren der ITB Consulting

Intuition vs. objektive Eignungs-Diagnostik?

Vor kurzem habe ich in einer Übung am eigenen Leibe erleben dürfen, wie fein und gleichzeitig leistungsstark unser Wahrnehmungssystem funktioniert. Es ging dabei um Intuition: welchen Eindruck, sprich welche Informationen gewinnen wir von einer Person innerhalb der ersten Sekunden oder in Bezug auf einen anderen, uns unbekannten Kontext. Ich war erstaunt, was mir mein Bauch über mein Gegenüber alles geflüstert hat.

Als Diagnostikerin mit naturwissenschaftlichem Hintergrund habe ich von der Pike auf gelernt, zwischen beobachtbaren, im Verhalten verankerten Eindrücken und dem sogenannten „Bauchgefühl“ zu unterscheiden. Die Praxis zeigt, dass man sich der unbewussten Eindrücke, die man beispielsweise als Beobachter in Interviews gewinnt, nicht entziehen kann. Sie sind neben den konkreten Hinweisen und Leistungsindizien auf einer anderen Ebene immer vorhanden. Deutlich werden sie vor allem dann, wenn sie sich von den expliziten Leistungen unterscheiden. Wenn das Gefühl entsteht: „Wäre eigentlich ein prima Mitarbeiter, aber irgendwas passt nicht.“ Im schlimmsten Fall begleitet dieses ungute Gefühl in Bezug auf den Mitarbeiter die Führungskraft über lange Zeit hinweg.

Wie geht man mit solchen Gefühlen in diagnostischen Verfahren um? Die Intuitionsübung hat mir erneut gezeigt, dass das „Bauchgefühl“ ein wichtiger Partner sein kann. Es eröffnet Perspektiven und bietet zusätzliche Informationen zu dem, was im Verhalten beobachtbar und objektiv messbar ist. Eine wichtige Voraussetzung für eine solche starke Partnerschaft ist die Bewusstheit über die Hinweise, die zu einer bestimmten Intuition führen: was genau lässt dieses Gefühl entstehen? Diese Frage bietet wiederum eine Plattform für Hypothesen und das Interview kann die richtige Situation sein, diese zu prüfen. Dadurch wird Intuition konkretisiert, der Beobachter bekommt neue Zugänge zu der Einschätzung  und der Teilnehmer bekommt die Möglichkeit, über seine Wirkung zu reflektieren.

Ein innovatives Unternehmen braucht aktive Mitgestalter auf Mitarbeiterseite

Du hast natürlich recht, Alex: ohne das passende Umfeld von der Unternehmensseite können auch die veränderungskompetentesten Mitarbeiter keine Veränderungen mittragen. Wenn aber auf Unternehmensseite alles passt, frage ich mich, ob neben der Fähigkeit und der Bereitschaft, sich an neue Situationen anzupassen, auf Mitarbeiterseite nicht noch mehr betrachtet werden müsste. Denn wie du, Lioba, bereits in deinem ersten Beitrag hervorgehoben hast, schließt Veränderungskompetenz auch die Fähigkeit, Veränderungsbedarf zu erkennen, Veränderungen anzustoßen und andere für diese Veränderungen zu begeistern, mit ein. Die Diagnostik dieser Aspekte der Veränderungskompetenz finde ich mit am schwierigsten. Natürlich braucht es auch hier die nötigen kognitiven Voraussetzungen, um überhaupt ein “Problem” zu entdecken, wo bisher niemand ein Problem gesehen hat sowie Motivation, Initiative oder Kreativität, um auch unkonventionelle Problemlösungen zu entwickeln. Doch um herauszufinden, ob jemand Veränderungen tatsächlich selbst anstößt, sollte man wohl auf Interviews setzen, in denen man nach bereits initiierten Veränderungen fragt – wie auch von dir schon angedeutet, Katharina. Ebenfalls möglich wären Assessment Center, in denen die Kandidaten in Fallstudien Veränderungsbedarfe identifizieren und anschließend konkrete Lösungsvorschläge erarbeiten.